HMI-Panels für Chemieanlagen müssen als kompletter Frontaufbau gegen die reale Umgebung ausgelegt werden. Ein IP-Code oder die Angabe „Edelstahl“ reicht nicht. Für OEM-Konstruktion, Qualität und technischen Einkauf zählen Prozessstoffe samt Konzentration und Temperatur, Reinigungsmedien, Ex-Zone, Handschuhe, Umgebungslicht, Potenzialausgleich, Einbaugeometrie und Wartungsweg. Die Empfehlung gilt für Display, Touch, Overlay, Schaltung sowie Gehäuseschnittstellen; PLC- und SCADA-Programmierung gehören nicht zum Fertigungsumfang. Bei kundenspezifischen HMI-Baugruppen sollte deshalb zuerst die Expositionsmatrix freigegeben werden, danach der Material- und Schnittstellenstack und zuletzt der Nachweis am seriennahen Einbau.

Fachstand: 24. August 2026.
Schnellauswahl: Von der Anlagenbelastung zum prüfbaren Hardwaremerkmal
| Anlageninput | Konsequenz für die HMI-Hardware | Geforderter Nachweis |
|---|---|---|
| Spritzer oder Dämpfe von Prozesschemikalien | Cover, Drucksystem, Klebstoff, Dichtung, Metall und Kanten einzeln festlegen | Stoffname/CAS, Konzentration, Temperatur, Kontaktzeit, Wiederholungen und Akzeptanzkriterien |
| Schaum-, Strahl- oder Hochdruckreinigung | Bündige Front, kontrollierte Fugen, geeignete Dichtung und definierter Gehäuseausschnitt | IP-Prüfung am vorgesehenen Einbau plus separate Medienprüfung |
| Zone 0/1/2 oder 20/21/22 | Passende Ex-Gerätekennzeichnung, Installationskonzept und dokumentierter Potenzialausgleich | Ex-Kennzeichnung, Zertifikats-/Dokumentprüfung, Erstprüfung der Einbausituation |
| Chemikalienschutzhandschuhe und Nässe | PCAP nur nach Stack-Tuning; alternativ resistiver Touch oder physische Tasten | Bedienversuch mit freigegebenem Handschuh, nasser/verschmutzter Oberfläche und Fehlerkriterien |
| Chloride, Säuren, Laugen oder Kondensat | Legierung, Beschichtung, Befestiger und Spaltgeometrie medienbezogen wählen | Korrosionsdaten unter passender Konzentration/Temperatur und Baugruppenprüfung |
| Starke Beleuchtung oder Reflexionen | Deckscheibe, Entspiegelung, optische Verklebung und Displayleistung gemeinsam betrachten | Lesbarkeitsprüfung bei definiertem Beleuchtungs- und Blickwinkelszenario |
| Kurze Stillstandsfenster | Von vorn wechselbare Module, lösbare Schnittstellen, dokumentierte Dichtungserneuerung | Wartungsanweisung, Ersatzteilstand, Wechseltest und Wiederholprüfung |
HMI-Panels für Chemieanlagen werden vom Expositionsprofil bestimmt
Ein HMI-Panel ist die physische Bedien- und Anzeigeeinheit zwischen Personal und Maschine. Eine ausführliche Grundlage liefert Was ist ein HMI-Panel? Hardwareaufbau. Für die Chemieanlage kommt eine zweite Ebene hinzu: Die Front ist zugleich Barriere gegen Flüssigkeiten, Dämpfe, Staub, Reinigung, elektrostatische Aufladung und mechanische Bedienlast.
Darum beginnt die Konstruktion nicht mit „PET oder Glas?“ und auch nicht mit einer pauschalen Schutzart. Zuerst wird der maßgebende Lastfall beschrieben. Ein kurzer Acetonspritzer bei Raumtemperatur ist ein anderer Lastfall als wiederholtes Abwischen mit einem alkalischen Reiniger, heiße Säuredämpfe oder eine dauerhaft feuchte Chloridablagerung. Erst Stoff, Konzentration, Temperatur, Dauer, Häufigkeit und anschließende Reinigung machen eine Medienangabe technisch brauchbar.
Die Fertigungsgrenze muss ebenfalls früh stehen. JASPER-relevante Arbeitspakete sind Frontpanel, Display, Touchsensor, Deckscheibe oder Grafikfolie, Klebstoff-/Dichtungssystem, Membranschalter bzw. gedruckte Schaltung, Beleuchtung, Schirmung, Trägerplatte, Befestigung und Anschlussübergang. Prozesslogik, Alarmphilosophie und PLC-/SCADA-Code bleiben beim Steuerungs- und Anlagenengineering.
Der Schichtaufbau versagt meist an Kanten und Übergängen
Eine widerstandsfähige Front entsteht aus dem Zusammenspiel der Schichten. Die nominell beste Deckscheibe hilft wenig, wenn Reinigungsmedium über eine Schnittkante in den Klebstoff gelangt oder Kondensat am Kabelabgang steht.
- Bedienoberfläche: gehärtetes Glas, beschichteter Kunststoff oder bedruckte Folie; trägt Symbole und bekommt direkten Stoff-, Abrieb- und UV-Kontakt.
- Druck- und Funktionsschicht: rückseitiger Druck, Hartbeschichtung oder Funktionslack; muss gegen Abrieb geschützt und mit dem Cover kompatibel sein.
- Touch- oder Tastenebene: PCAP-Sensor, resistiver Touch oder Membranschalter; reagiert unterschiedlich auf Handschuhe, Flüssigkeitsfilme und elektromagnetische Störungen.
- Optische Kopplung und Abstand: Luftspalt, optischer Klebstoff oder Rahmenverklebung; beeinflusst Reflexion, Kondensation und Reparierbarkeit.
- Display und Beleuchtung: LCD/OLED, Treiber und Hintergrundbeleuchtung; Temperatur, Wärmeabfuhr und Blickwinkel gehören zur Einbaubedingung.
- Dichtung und Träger: Kleberahmen, Elastomerdichtung, Metall- oder Kunststoffträger; bestimmen Flächenpressung, Spaltlage und Austauschweg.
- Schaltung und Anschlüsse: Flexschaltung, Leiterplatte, Steckverbinder, Schirm und Massepunkt; liegen häufig hinter der nominell dichten Front, bleiben aber Teil des Nachweises.
Die Zeichnung braucht deshalb mehr als Außenmaße. Sie muss Kantenabstände, Dichtbreite, Ebenheit, Oberflächenvorbereitung, Schrauben-/Klemmkräfte, Ausschnitttoleranz, Kabelrichtung und Masseanschluss eindeutig machen.
Eine Anwendungs-Risikomatrix legt die Prüfschärfe fest
Die Risikomatrix verbindet Exposition und Fehlerfolge. Sie ersetzt keine Gefährdungsbeurteilung, verhindert aber, dass ein dekorativer Fleck und ein sicherheitsrelevanter Bedienausfall gleich behandelt werden.
| Belastung | Typischer Fehlerpfad | Auswirkung | Konstruktive Antwort | Freigabenachweis |
|---|---|---|---|---|
| Wiederholte Lösemittelspritzer | Glanzänderung, Spannungsriss, Druckangriff, Klebstoffunterwanderung | Beschriftung unlesbar oder Front löst sich | Medienfeste Sichtseite, geschützte Bedruckung, abgedeckte Kante | Konditionierte Coupon- und Baugruppenprüfung, Sicht- und Haftkriterium |
| Heißer Washdown | Dichtungsrelaxation, Wasserweg an Fuge oder Befestiger | Feuchte hinter Display/Schaltung | Bündige Geometrie, definierte Flächenpressung, geeigneter Ablauf | IP-Prüfung im Seriengehäuse, danach Funktion und Inneninspektion |
| Nasse Handschuhe auf PCAP | Fehlauslösung, Totzone, fehlende Mehrfingererkennung | Fehlbedienung oder Bedienverzug | Controller-/Sensor-Tuning, große Ziele, ggf. alternative Eingabe | Aufgabenbasierter Bedienversuch mit Originalhandschuh und Flüssigkeitsfilm |
| Ex-Bereich | Aufladbare Oberfläche, unklarer PA-Weg, falsche Kennzeichnung | Zündgefahr und nicht konforme Installation | Ex-Auswahl durch Fachfunktion, leitfähige Teile anbinden, Isolatorflächen bewerten | Geräteunterlagen, PA-Mess-/Prüfkonzept, Erstprüfung |
| Chloridhaltiges Kondensat an Fugen | Loch- oder Spaltkorrosion | Dichtfläche und Befestigung verlieren Funktion | Spalte minimieren, Legierung und Paarung medienbezogen wählen | Werkstoffbeleg und Korrosionsprüfung mit realer Ablagerung |
| Häufiger Modultausch | Dichtung beschädigt, Kabel geknickt, Schrauben falsch angezogen | Schutzart nach Wartung nicht reproduzierbar | geführter Einbau, austauschbare Dichtung, definierte Drehmomente | dokumentierter Wechsel- und Wiederholprüfung |
Chemikalienbeständigkeit braucht Stoff, Zustand und Geometrie
„Chemikalienbeständig“ ohne Prüfbedingung ist keine Spezifikation. IEC 60068-2-74 stellt mit Test Xc ein Verfahren für unbeabsichtigten Flüssigkeitskontakt bereit, grenzt aber Dauerkontakt, vollständige Immersion und den Nachweis gegen elektrolytische Korrosion ausdrücklich aus. ISO 175:2010 behandelt die Immersion ganzer, unbelasteter Kunststoffproben; Umweltspannungsrissbildung ist nicht enthalten. Beide Scopes zeigen denselben Punkt: Ein einzelner Coupon-Test deckt die geklebte, vorgespannte und bedruckte Front nicht vollständig ab.
Eine belastbare Prüfmatrix nennt mindestens:
- Prozessstoff und Reiniger mit eindeutiger Bezeichnung, Konzentration und relevanten Verunreinigungen;
- Temperatur des Mediums und der HMI-Oberfläche;
- Kontaktform: Tropfen, Wischen, Spray, Kondensat, Immersion oder Druckstrahl;
- Einwirkzeit, Abtrocknung, Spülung und Anzahl der Zyklen;
- mechanische Begleitlast durch Wischer, Bürste, Handschuh oder Flächenpressung;
- Prüflingszustand: unbedruckter Coupon, bedrucktes Cover, geklebter Stack und vollständiger Gehäuseeinbau;
- Kriterien vor, während und nach der Belastung: Farbe/Glanz, Risse, Quellung, Masse-/Maßänderung, Haftung, Dichtheit, Touchfunktion und elektrische Werte.
Auch Klebstoffdaten müssen ihre Bedingungen behalten. Das technische Datenblatt zum 3M 467MP veröffentlicht beispielsweise Haftwerte mit Substrat, Temperatur, Verweilzeit und definierter Medienexposition. Solche Daten sind ein Vorauswahlbeleg, keine Freigabe für einen anderen Klebstoff, eine bedruckte Folie oder eine offene Kante.
IP-Schutz, Washdown und Korrosion sind drei getrennte Entscheidungen
IEC 60529 klassifiziert den Gehäuseschutz gegen Zugang, feste Fremdkörper und Wasser. Daraus folgt keine Beständigkeit gegen Säure, Lauge, Lösemittel oder Reinigungschemie. Ebenso sagt eine chemisch beständige Deckfolie nichts darüber aus, ob Flüssigkeit den Displayausschnitt, einen Befestiger oder den Kabelabgang passiert.
Für Washdown muss der Nachweis am vorgesehenen Gehäuse erfolgen. Ausschnitttoleranz, Ebenheit, Dichtungsstoß, Schraubenabstand, Montagefolge und Kabelzug beeinflussen die reale Dichtlinie. Eine Frontplatte, die separat besteht, kann im verzogenen Schaltschrank undicht werden.
Edelstahl ist ebenfalls keine Universalantwort. Alleima beschreibt den Einfluss von Säure-/Laugenart, Konzentration, Temperatur und Verunreinigungen auf gleichmäßige Korrosion. Die Outokumpu-Korrosionsleitfäden ordnen Korrosionsmechanismen konkreten Werkstoffen und Medien zu. Für das HMI bedeutet das: Legierung und Oberflächenzustand dokumentieren, Spalte und Flüssigkeitstaschen vermeiden, metallische Paarungen prüfen und die Dichtfläche nicht durch eine ungeeignete Bearbeitung schwächen.
Ex-Zone, Gerätekennzeichnung und Erdung müssen zusammenpassen
Nicht jedes Bediengerät in einer Chemieanlage benötigt ATEX-Eignung. Entscheidend ist der Montageort. Die Richtlinie 1999/92/EG definiert die Zonen nach Häufigkeit und Dauer explosionsfähiger Atmosphäre. Die Richtlinie 2014/34/EU betrifft Geräte und Schutzsysteme zur bestimmungsgemäßen Verwendung in explosionsgefährdeten Bereichen.
| Betreiberzone | Auftreten im Normalbetrieb | Grundsätzliche Kategoriezuordnung nach 1999/92/EG |
|---|---|---|
| Zone 0 / 20 | ständig, über lange Zeiträume oder häufig | Kategorie 1 |
| Zone 1 / 21 | gelegentlich | Kategorie 1 oder 2 |
| Zone 2 / 22 | normalerweise nicht oder nur kurzzeitig | Kategorie 1, 2 oder 3 |
Die Kategorie ist nur ein Teil der Auswahl. Gas- oder Staubgruppe, Temperaturklasse bzw. maximale Oberflächentemperatur, Umgebungstemperatur, Schutzart, konkrete Zündschutzart und Einbauanweisung müssen ebenfalls passen. IEC 60079-0:2026 nennt allgemeine Anforderungen an Konstruktion, Prüfung und Kennzeichnung von Ex-Geräten und -Komponenten. IEC 60079-14:2024 deckt Auswahl, Installation, Erstprüfung, Dokumentation und Kompetenz ab. Für die vertiefte Geräteentscheidung dient ATEX-HMI-Hardware für explosionsgefährdete Bereiche als ergänzender Themenknoten.
Erdung ist dabei kein nachträglicher Draht. IEC TS 60079-32-1 nennt Erdung leitfähiger Teile, Verringerung der Aufladung und Begrenzung aufladbarer Isolatorflächen als Maßnahmen gegen elektrostatische Gefahren. Die deutsche TRGS 727 behandelt Erdung und Potenzialausgleich im Gefahrstoffkontext. Die Frontpanelzeichnung muss daher leitfähige Deckschichten, Metallrahmen, Schirm, Befestiger und PA-Anschluss als zusammenhängendes Konzept zeigen. Ein EMV-Schirm ist nicht automatisch ein geeigneter Ex-Potenzialausgleich.
Handschuhbedienung ist eine Systemprüfung, keine Touch-Art
Resistiver Touch reagiert auf mechanischen Druck und lässt sich oft mit beliebigen Handschuhen oder einem Stift betätigen. Dafür bringt er eine verformbare Deckschicht und ein anderes Verschleiß-/Optikprofil mit. PCAP ermöglicht eine geschlossene Glasfront und Mehrfingerbedienung, hängt aber von Sensorlayout, Covermaterial/-dicke, Controller, Massebezug, Firmware-Tuning, Handschuh und Flüssigkeitsfilm ab.
Dass moderne PCAP-Controller Handschuhe und Feuchtigkeit beherrschen können, zeigt die Produktfamilie Microchip maXTouch. Das ist ein komponentenspezifischer Fähigkeitsnachweis, keine Aussage über jeden fertigen Stack. Für die Freigabe zählen die echten Chemikalienschutzhandschuhe, trockene und nasse Oberfläche, relevante Ablagerungen, Randbereiche, lange Betätigung, Doppeltipp und Fehlberührung. Kritische Funktionen brauchen große, voneinander getrennte Bedienziele. Wenn eine Aktion bei Nässe sicher verfügbar bleiben muss, kann eine physische Taste die bessere Schnittstelle sein.
Lesbarkeit wird ebenfalls unter Einsatzbedingungen geprüft. ISO 9241-303 beschreibt Bildqualitätsanforderungen für elektronische Displays technologie-, aufgaben- und umgebungsbezogen. IEC 60073 und IEC 61310-1 strukturieren die Bedeutungszuordnung visueller, akustischer und taktiler Signale. Daraus folgt für die Hardware: Umgebungsbeleuchtung, Reflexion, Blickwinkel, Schutzbrille, Farbfehlsichtigkeit, verschmutzte Front und Alterungszustand in die Musterfreigabe aufnehmen; keine pauschale cd/m²-Zahl aus einem Katalog zur Anlagenfreigabe erklären.
Schaltung, Schirmung und Gehäuseschnittstellen begrenzen die Zuverlässigkeit
Die elektrische Baugruppe wird zusammen mit dem Frontpanel spezifiziert. Benötigt werden Versorgung, Logikpegel, Matrix- oder Businterface, zulässige Leitungswege, Steckverbinderverriegelung, Biegeradius des Flex-Tails, Zugentlastung, Schirmabschluss und Massepunkt. Leiterbahnen dürfen nicht dort liegen, wo Schrauben, Kanten oder Dichtungsdruck sie belasten.
IEC 61000-4-2:2025 liefert eine reproduzierbare Basis für ESD-Störfestigkeitsprüfungen; das konkrete Produkt legt Prüfpunkte, Schärfegrad und Leistungskriterien fest. Der Test muss deshalb an der vollständigen Einheit mit realem Cover, Montageplatte, Kabelsatz und Erdung durchgeführt werden. Die Umgebungserweiterung über Chemie hinaus behandelt Robuste HMI-Auslegung für raue Umgebungen.
Validierung muss Fehler sichtbar machen und nach Wartung wiederholbar sein
Eine Prüfung ist nur so gut wie ihr Abnahmekriterium. „Keine sichtbare Veränderung“ reicht nicht, wenn der Touch bereits Randfehler zeigt oder die Dichtfläche ihre Haftreserve verloren hat. Für jede Belastung werden Vorhermessung, Exposition, Zwischenkontrolle, Erholzeit und Nachhermessung festgelegt.
| Prüfblock | Prüfling | Beobachtete Größen | Freigabefrage |
|---|---|---|---|
| Medienkontakt | Coupon, bedrucktes Cover, geklebter Stack | Farbe, Glanz, Risse, Quellung, Haftung, Funktion | Bleibt die spezifizierte Funktion nach den realen Zyklen erhalten? |
| Washdown / Dichtheit | Seriennahes Frontpanel im Zielgehäuse | Wasserweg, Innenfeuchte, Dichtungszustand, elektrische Funktion | Gilt der Schutz für Ausschnitt, Befestigung und Kabelübergang gemeinsam? |
| Touch / Handschuh | Komplettes Display-Touch-Modul | Trefferquote, Fehlberührung, Randfunktion, Bedienzeit | Funktionieren definierte Aufgaben trocken, nass und verschmutzt? |
| ESD / EMV | Vollständige Einheit mit Kabel und Massekonzept | Fehlfunktion, Reset, bleibender Schaden, Diagnose | Erfüllt das System die vorab festgelegten Leistungskriterien? |
| Temperatur / Feuchte | Montierte Baugruppe | Kondensation, Delamination, optische und elektrische Drift | Bleibt der Stack über Transport, Betrieb und Abkühlung funktionsfähig? |
| Wartungswechsel | Seriengehäuse, Ersatzdichtung und Modul | Montagezeit, Kabel-/Dichtungsschaden, erneute Dichtheit | Ist die Schutzwirkung nach dem vorgesehenen Wechsel reproduzierbar? |
Die Prüf- und Validierungsplanung sollte bereits beim Design Freeze mit Zeichnungsstand, Stichprobe, Prüfmittel und Akzeptanzgrenze verknüpft werden. Die HMI-Panel-Konstruktion: Checkliste mit 10 Freigabekriterien hilft, die Hardwarefreigabe vollständig zu strukturieren. Danach folgt Prototyping und Musterfreigabe am seriennahen Stack; ein optisch schönes Einzelmuster ohne Umwelt- und Wechseltest ist noch keine Serienfreigabe.
Für Ex-Installationen gehört der Wartungsweg in die Dokumentation. IEC 60079-17:2023 behandelt Inspektion und Instandhaltung der dafür ausgelegten elektrischen Installation. Dichtung, Befestiger, Masseverbindung, Lesbarkeit der Kennzeichnung und zulässiger Austauschumfang müssen nach einem Serviceeinsatz prüfbar bleiben.
Wann ein Standard-Touchpanel oder Folienaufbau nicht passt
Ein Standard-PCAP-Modul ist ungeeignet, wenn die realen Handschuhe und Flüssigkeitsfilme nicht zuverlässig erkannt werden oder Fehlberührungen sicherheitsrelevant sind. Ein Folienoverlay passt nicht, wenn Dauerimmersion, starke mechanische Reinigung, tiefer Kantenangriff oder eine nicht beherrschte aufladbare Fläche vorliegen. Ein von vorn geklebtes Modul ist falsch, wenn die Wartung keine kontrollierte Oberflächenvorbereitung zulässt. Und ein normales HMI ersetzt keinen ungeprüften Not-Halt: ISO 13850:2015 behandelt die Not-Halt-Funktion auf Maschinenebene und verweist für die elektrische bzw. elektronische Realisierung auf IEC 60204-1. Die Systemvalidierung liegt außerhalb einer Standard-Frontpanel-Freigabe.
Projektinput: Diese Angaben gehören in Zeichnung und RFQ
Vor einer technischen Prüfung sollten folgende Daten vorliegen:
- Display-Aktivfläche, Außenmaß, Auflösung, Blickrichtung und gewünschte Deckscheibe;
- Frontplattenzeichnung mit Ausschnitt, Toleranzen, Ebenheit, Material, Oberfläche und Befestigung;
- kompletter Interface-Stack: Touchart, Controller, Displayinterface, Versorgung, Flex-/Kabelabgang, Steckverbinder, Schirm und Masse/PA;
- Prozessstoffe und Reiniger mit Konzentration, Temperatur, Kontaktart, Dauer und Zyklen;
- Zone, Gas-/Staubgruppe, Temperaturklasse oder zulässige Oberflächentemperatur sowie Umgebungstemperatur;
- Handschuhtyp, Nässe-/Schmutzzustand, Bedienaufgaben, Umgebungslicht und Blickwinkel;
- Zielschutzart für den vollständigen Einbau, Waschverfahren und Wartungs-/Austauschkonzept;
- Prüfplan, Akzeptanzkriterien, Dokumentationsumfang, Prototypenmenge und Jahresvolumen.
OEM-Teams können Zeichnungen zur technischen Prüfung senden. Für die erste Bewertung genügen Displaygröße, Frontplattenzeichnung, Interface-Stack, Umweltprofil und Jahresvolumen. Wenn diese Eingaben belastbar sind, lässt sich ein technisches Angebot anfragen, ohne Beständigkeit, Ex-Eignung oder Schutzart vorwegzunehmen.
Häufige Fragen zu HMI-Hardware in Chemieanlagen
Welche HMI-Panels für Chemieanlagen sind die richtige Wahl?
Richtig ist der Stack, der zur dokumentierten Exposition und Einbausituation passt. Er muss Prozessstoffe, Reiniger, Temperatur, Washdown, Ex-Zone, Handschuhe, Licht, Erdung und Wartung gemeinsam abdecken. Ein IP-Code, „Edelstahl“ oder „ATEX“ allein entscheidet nicht. Die Freigabe erfolgt am seriennahen Frontpanel im vorgesehenen Gehäuse.
Reicht IP65 oder IP67 als Nachweis der Chemikalienbeständigkeit?
Nein. IEC 60529 beschreibt den Gehäuseschutz gegen Zugang, feste Fremdkörper und Wasser, nicht die Verträglichkeit mit Säuren, Laugen, Lösemitteln oder Reinigern. Der IP-Nachweis und die Medienprüfung sind getrennte Prüfblöcke. Beide sollten den realen Ausschnitt, die Dichtung, Befestiger, Kanten und Kabelübergänge berücksichtigen.
Welche Angaben braucht eine Chemikalienprüfung des Frontpanels?
Erforderlich sind Stoffbezeichnung, Konzentration, Verunreinigungen, Medien- und Oberflächentemperatur, Kontaktform, Einwirkzeit, Trocknung/Spülung, Zykluszahl und mechanische Wischlast. Dazu kommen Prüflingsaufbau und messbare Grenzwerte für Optik, Risse, Quellung, Haftung, Dichtheit, Touchfunktion sowie elektrische Eigenschaften. Ohne diese Bedingungen ist „beständig“ nicht reproduzierbar.
Funktioniert ein kapazitiver Touchscreen mit Chemikalienschutzhandschuhen?
Das kann funktionieren, ist aber vom gesamten PCAP-Stack abhängig: Handschuhmaterial und -dicke, Cover, Sensor, Controller, Tuning, Massebezug und Flüssigkeitsfilm wirken zusammen. Der Nachweis muss mit den freigegebenen Handschuhen und realen Bedienaufgaben trocken, nass und verschmutzt erfolgen. Bei kritischen Aktionen kann eine physische Taste geeigneter sein.
Benötigt jedes HMI in einer Chemieanlage eine ATEX-Ausführung?
Nein. Maßgeblich ist, ob der Montageort als explosionsgefährdeter Bereich eingestuft ist. Für Zone, Gas- oder Staubgruppe, Temperaturklasse, Umgebung und Installationsart muss die Gerätekennzeichnung passen. Die Zoneneinteilung kommt vom Betreiber bzw. dessen Ex-Fachfunktion; der HMI-Lieferant darf sie nicht aus dem Branchenkürzel „Chemie“ ableiten.
Wie werden Frontplatte, Schirm und Potenzialausgleich festgelegt?
Die Zeichnung muss leitfähige Frontteile, Beschichtungen, Befestiger, Kabelschirm, Elektronikmasse und PA-Anschluss eindeutig trennen bzw. verbinden. IEC TS 60079-32-1 und TRGS 727 behandeln Maßnahmen gegen elektrostatische Zündgefahren. Ein EMV-Schirm erfüllt nicht automatisch den Ex-Potenzialausgleich; beide Funktionen brauchen definierte Anschlusspunkte und Prüfungen.
Ist Edelstahl 1.4404 für jede chemische Umgebung geeignet?
Nein. Die Eignung hängt unter anderem von Medium, Konzentration, Temperatur, Chloriden, Verunreinigungen, Oberflächenzustand und Spaltgeometrie ab. Werkstofftabellen dienen der Vorauswahl, nicht als pauschale Baugruppenfreigabe. Dichtspalte, Befestigerpaarungen und Flüssigkeitstaschen müssen konstruktiv bewertet und unter dem maßgebenden Lastfall geprüft werden.
Welche Unterlagen gehören in eine RFQ für HMI-Hardware?
Zur RFQ gehören Displaygröße und -interface, Frontplattenzeichnung, Layer-Stack, Ausschnitttoleranzen, Dichtung und Befestigung, Kabel-/Steckverbinder, Schirm-/Massekonzept, Stoff- und Reinigungsmatrix, Ex-Daten, Handschuhe, Beleuchtung, Schutzart, Wartungsweg, Prüf- und Akzeptanzkriterien, Prototypenbedarf sowie Jahresvolumen. So kann der Lieferant Risiken statt nur Abmessungen bewerten.
Referenzen
- Europäische Union: Richtlinie 1999/92/EG und Richtlinie 2014/34/EU.
- International Electrotechnical Commission: IEC 60079-0:2026, IEC 60079-14:2024, IEC 60079-17:2023 und IEC TS 60079-32-1.
- Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: TRGS 727.
- International Electrotechnical Commission: IEC 60529, IEC 60068-2-74, IEC 60073, IEC 61310-1 und IEC 61000-4-2:2025.
- International Organization for Standardization: ISO 175:2010, ISO 9241-303:2011 und ISO 13850:2015.
- Material- und Komponentenquellen: Parker O-Ring Handbook, Outokumpu Corrosion Guides, Alleima Corrosion Knowledge, 3M 467MP Technical Data Sheet und Microchip maXTouch.
Dieser technische Leitfaden wurde für JASPER erstellt. Die Auswahlkriterien gelten herstellerunabhängig; konkrete Eignung, Ex-Konformität und Leistung müssen für das jeweilige Produkt und den vorgesehenen Einbau nachgewiesen werden.
Zeichnung, Schichtaufbau und Einsatzbedingungen bereitstellen
Das JASPER Engineering prüft Schnittstellen, offene Risiken und die Nachweise für ein belastbares Angebot.