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HMI-BaugruppenKonstruktionsleitfaden

HMI-Ergonomie und Human Factors für Industrieanlagen: messbare Anforderungen an Bedienpanels

JASPER EngineeringVeröffentlicht 06.09.202615 Min. Lesezeit

HMI-Ergonomie und Human Factors für Industrieanlagen werden nicht durch ein „intuitives“ Layout nachgewiesen, sondern durch prüfbare Anforderungen an Bedienposition, Sichtkegel, Handschuhe, Betätigung, Rückmeldung, Kontrast und Fehlbedienung. Für OEM-Konstruktion, Produktdesign, Qualität und Beschaffung lautet die zentrale Empfehlung: Nutzungskontext und Bedienaufgaben zuerst festlegen, daraus Grenzfälle ableiten und erst dann Display, Touch, Tasten, Overlay, Leiterplatte und Gehäuseschnittstelle spezifizieren. Die Grenze dieses Leitfadens liegt an der HMI-Hardwarebaugruppe. Er behandelt Frontplatte, Anzeige, Touchsensor, Schaltelemente, elektrische Schnittstellen und Einbau; die Programmierung von SPS, SCADA und Prozesslogik gehört nicht zum Fertigungsumfang.

HMI-Baugruppen

Schnellentscheidung: Welche Eingabe muss vor dem Frontplattendesign feststehen?

Entscheidungsvariable Messbarer Designinput Typische Hardwarefolge Abnahmenachweis
Bedienerpopulation Körpermaßdatensatz, Perzentilbereich, Links-/Rechtshand, Einschränkungen Panelposition, Verstellweg, Griff- und Tastenlage Erreichbarkeitsprüfung am Einbaumodell
Bedienaufgabe Häufigkeit, Reihenfolge, Genauigkeit, Zeitkritikalität Funktionsgruppen, physische Direktwahltasten, Abstände Repräsentative Bedienaufgabe ohne Fehlgriff
Beobachtungsort Augenpunkthülle, Abstand, horizontaler und vertikaler Blickkegel Displaytyp, Einbauwinkel, Blendschutz, Zeichenlayout Ablesetest an allen festgelegten Augenpunkten
Handschuhbetrieb Modell, Material, Dicke, Passform, trocken/nass/verschmutzt Touchtechnik, Sensorabstimmung, Zielabstände, taktile Alternative Prüfmatrix mit Original-PSA
Umgebungslicht Beleuchtungsstärke, Richtung, Reflexionsquellen, Tag-/Nachtzustand Luminanzreserve, Entspiegelung, Deckscheibe, Bonding Optische Messung im eingebauten Stack
Rückmeldung Erforderlicher Kanal und zulässige Reaktionszeit Tastenhub, Schnappgefühl, LED, Summer, Vibration Betätigungs- und Wahrnehmungsprüfung
Fehlerrisiko Verwechslung, unbeabsichtigte Betätigung, sichere Rücknahme Schutzkragen, Abstand, Formkodierung, Bestätigungselement Negativtest und dokumentierte Fehlerreaktion
Umgebung und Reinigung Temperatur, Feuchte, Medien, Abrieb, UV, IP-Ziel Overlay, Klebstoff, Dichtung, Beschichtung, Gehäusefuge Material- und Baugruppenprüfung im Einbauzustand

HMI-Ergonomie und Human Factors für Industrieanlagen werden als Designinputs spezifiziert

Human Factors beschreiben das Zusammenspiel von Mensch, Aufgabe, Arbeitsmittel und Organisation. Bei einem Bedienpanel werden drei Ebenen gleichzeitig wirksam: Die physische Ergonomie bestimmt Reichweite, Haltung und Betätigungskraft; die kognitive Ergonomie beeinflusst Erkennbarkeit, Gruppierung, Rückmeldung und Fehlererholung; die organisatorische Ebene legt Rollen, Schichtbetrieb, Wartungszustände und Schulung fest. Die BAuA beschreibt Benutzungsschnittstellen deshalb als Verbindung von Hardware, Software, Arbeitsaufgabe, Umgebung und persönlicher Schutzausrüstung.

Für eine beschaffbare Baugruppe muss dieser Zusammenhang in technische Merkmale zerlegt werden. Bei HMI-Baugruppen reicht der Fertigungsumfang je nach Architektur vom bedruckten Overlay über Touch und Display bis zu Flexleitung, Leiterplatte, Dichtung, Gehäuserahmen und Kabelausgang. Wer zunächst die Abgrenzung zwischen Panel, Steuerung und Visualisierung klären muss, findet sie im Grundlagenbeitrag Was ist ein HMI-Panel? Hardwareaufbau.

Baugruppenebene Ergonomisch wirksame Merkmale Kritische Schnittstelle
Grafikoverlay oder Deckglas Symbolkontrast, Glanz, Textur, Tastenprägung, chemische Beständigkeit Klebstoff, Druckfarben, Reinigungsmedium
Touchsensor Sensormodus, Elektrodenraster, Randverhalten, Handschuherkennung Deckschicht, Masseflächen, Controllerabstimmung
Display aktive Fläche, Luminanz, Blickwinkel, Kontrast, Polarisation Touchstack, Luftspalt oder optisches Bonding
Mechanische oder Folientaste Betätigungskraft, Hub, Schnappverhältnis, Form, Abstand Dome, Spacer, Overlay und Leiterplatte als Gesamtstack
Rückmeldemittel LED-Farbe und -Helligkeit, Summer, Vibrator Lichtleiter, Öffnung, Treiber und Versorgung
Schaltung und Anschluss Tastenmatrix, Entprellungsschnittstelle, ESD-Pfad, Steckverbinder Steuerung, Erdung, Gehäuse und Kabelzugentlastung
Dichtung und Gehäuse Fugenlage, Kompression, Schwallkante, Befestigung Toleranzkette der fertigen Frontplatte

Die Fertigungszeichnung darf diese Ebenen nicht unabhängig behandeln. Overlayklebstoff, Deckscheibe und Luftspalt verändern Stapelhöhe, Touchsignal und Reflexion. Maßgeblich ist die freigegebene Toleranzkette, nicht das Datenblatt einer Einzelkomponente.

Aus Nutzungsszenarien entstehen prüfbare Anforderungen statt Durchschnittswerte

ISO 9241-210:2019 bezieht menschzentrierte Gestaltungsaktivitäten auf den Lebenszyklus interaktiver Systeme und ausdrücklich auf Hard- und Software. Für das Bedienpanel bedeutet das: Anforderungen werden aus beobachtbaren Aufgaben und Grenzfällen abgeleitet, nicht aus Geschmacksurteilen im Designreview.

Nutzungseingabe In der Spezifikation festzuhalten In Zeichnung oder Stückliste umzusetzen Vor Freigabe zu prüfen
Benutzer Zielpopulation und ausgeschlossene Benutzergruppen Verstellbereich, Einbauhöhe, Bedienseiten Kleinster und größter vorgesehener Körperfall
Aufgabe Normalbetrieb, Rüsten, Störung, Reinigung, Wartung Direktwahltasten, Displayzone, Schutzbereiche Vollständige Abläufe einschließlich Rückkehr in sicheren Zustand
PSA Exakte Handschuhreferenz und weitere hindernde Ausrüstung Zielabmessungen, Touchparameter, Tastenform Neue, gebrauchte, trockene und definierte nasse/verschmutzte PSA
Sicht Augenpositionen, Sehentfernung, Dauer und Informationspriorität Panelneigung, Displayorientierung, Zeichen- und Statusfläche Ablesbarkeit ohne Ausweichhaltung
Umgebung Licht, Reflexion, Temperatur, Feuchte, Schmutz, Vibration Displayklasse, Overlayoberfläche, Dichtung, Befestigung Schlechtester betrieblicher Kombinationsfall
Fehler Verwechslungsgefahr und Folgen jeder kritischen Bedienung räumliche Trennung, Schutz, Form- und Zustandskodierung Fehlgriff-, Doppelauslöse- und Wiederanlauftest
Feedback Erwartete Bestätigung pro Bedienhandlung taktiler Hub, Statuslicht, akustischer oder haptischer Ausgang Wahrnehmbarkeit unter Lärm, Licht und Handschuhbetrieb
Lebenszyklus Abrieb, Reinigungszyklen, Ersatzteil- und Änderungsstrategie Materialfreigabe, Stecker, Demontageweg, Revisionsstand Prüfung nach Vorbelastung und kontrollierte Änderungsfreigabe

Ein brauchbarer Designinput besitzt immer eine Bedingung und ein Prüfkriterium. „Mit Handschuh bedienbar“ ist unvollständig. „Jede freigegebene Funktion wird mit dem bezeichneten Handschuhmodell bei trockenem und definiert kontaminiertem Overlay ausgelöst; Nachbartasten bleiben inaktiv“ ist prüfbar. Die konkrete Zielquote, Kontamination, Temperatur und Wiederholungszahl gehören in den OEM-Prüfplan. Ohne diese Angaben wäre jede Zahl erfunden.

Reichweite, Körperhaltung und Sichtgeometrie müssen denselben Einbauzustand beschreiben

Eine mittlere Körpergröße ist kein sicherer Auslegungspunkt. Die österreichische Arbeitsinspektion nennt als übliche Spanne das 5. Perzentil Frau bis zum 95. Perzentil Mann; damit werden 90 % der erwarteten Verteilung erfasst. Das ist eine Planungshilfe, keine automatisch passende Zielpopulation. Kleidung, Sicherheitsschuhe, Plattformen und körperliche Einschränkungen können die Grenzfälle verschieben.

ISO 14738:2002 beschreibt die Ableitung von Körperraummaßen für normale Tätigkeiten an nicht mobilen Maschinen im Sitzen und Stehen. Die offizielle Abgrenzung ist wichtig: Wartung, Reparatur und Reinigung sind nicht speziell eingeschlossen. Ein Panel, das im Produktionsbetrieb gut erreichbar ist, kann beim Einrichten hinter einer geöffneten Tür oder beim Reinigen mit zusätzlicher PSA trotzdem eine Zwangshaltung erzeugen.

Die Einbauzeichnung zeigt Koordinatenursprung, Plattformhöhe, Bedienpositionen, Augenpunkthülle, Reichhülle, Panelnormale und Verstellachsen. Häufige, genaue Betätigungen liegen im bevorzugten Reichraum; seltene Funktionen dürfen sicher erreichbar weiter außen liegen. Kritische Anzeigen müssen während der Betätigung des zugehörigen Stellteils sichtbar sein. Display und Tasten sind daher gemeinsam zu prüfen.

Die Abnahme erfolgt am Einbaumodell oder seriennahen Muster. Prüfpersonen oder anthropometrische Prüfkörper repräsentieren die Grenzfälle. Dokumentiert werden Ausweichbewegungen, verdeckte Anzeigen, Kontakt mit Gehäusekanten und die sichere Bedienbarkeit benachbarter Elemente. Ein bestandenes Tischmuster ohne Gehäuse, Plattform und Schutzumwehrung belegt die Anlagenreichweite nicht.

Display, Kontrast und Blickwinkel werden im fertigen optischen Stack geprüft

Displaylesbarkeit hängt nicht allein von der Nennhelligkeit des LCD ab. Deckglas, Touchsensor, Klebstoff, Luftspalt, Polarisator, Bedruckung, Einbauwinkel und Umgebungslicht bilden einen optischen Stack. Jede Grenzfläche kann Reflexionen erzeugen; eine hochglänzende Front kann ein ausreichend helles Display unter gerichteter Hallenbeleuchtung unleserlich machen.

ISO 9241-303:2011 enthält generische Bildqualitätsanforderungen für elektronische Displays. ISO 9241-307:2008 ordnet Analyse- und Konformitätsprüfungen den jeweiligen Technologien, Aufgaben und Umgebungen zu. Daraus folgt für die Beschaffung: Luminanz, Kontrast und Blickwinkel sind mit Aufgabe, Messort, Beleuchtung, Bildinhalt, Temperatur und Augenposition zu spezifizieren. Ein unbedingter Datenblattwert ohne diesen Kontext reicht nicht.

Für die grafische Vorprüfung kann der Kontrast von Text und Hintergrund nach WCAG 2.2 ermittelt werden. Die W3C-Empfehlung nennt 4,5:1 für normalen und 3:1 für großen Text. Diese Werte gelten für Webinhalte und relative Luminanz; sie ersetzen weder Reflexionsmessung noch Ablesetest am eingebauten Industriepanel. Der Hardware-Nachweis muss das reale Displaybild unter den festgelegten Licht- und Blickbedingungen erfassen.

Zeichnungsfelder sind: aktive Displayfläche, sichtbare Öffnung, Black-Mask-Überdeckung, zulässiger Versatz, Panelneigung, Blickkegel, Oberflächenglanz oder Entspiegelung, Bondingart und optische Defekte. Polarisation ist mit Schutzbrillen oder Sichtfenstern zu prüfen. Weitere Hardwareentscheidungen für anspruchsvolle Umgebungen werden im Beitrag Hochleistungs-HMI-Hardware entwickeln eingeordnet.

Handschuhe, Nässe und Rückmeldung entscheiden über Touch, Taste oder Hybridpanel

„Kapazitiver Touch funktioniert mit Handschuhen“ ist keine belastbare Spezifikation. Infineon zeigt in einem industriellen Touchscreen-Whitepaper, dass Material, Dicke, Passform und Anpressdruck des Handschuhs das kapazitive Signal verändern. Der dort beschriebene Beispielaufbau mit 2 mm Handschuh, 3 mm Deckglas und 8 mm Elektrodenraster ist ein Versuchsfall, kein universeller Sollwert. Wird nur eine dieser Größen geändert, muss die Baugruppe neu bewertet und gegebenenfalls neu abgestimmt werden.

Eingabearchitektur Geeignet, wenn Kritischer Grenzfall Notwendiger Nachweis
Projektiv-kapazitiver Touch Glatte geschlossene Front, Gesten oder variable Bildschirmfunktionen benötigt werden Dicke/lose Handschuhe, Wasserfilm, leitfähige Verschmutzung, Massekopplung Touchkarte über Fläche und Rand, Handschuh- und Flüssigkeitstest, Störfestigkeit im Endaufbau
Resistiver Touch Druckbetätigung mit Handschuh oder Stift wichtiger als Multitouch ist Folienverschleiß, optische Verluste, punktuelle Beschädigung Betätigungskraft, Linearität, Lebensdauer und Medienbeständigkeit im Stack
Folien- oder mechanische Taste Eindeutige Direktwahl und fühlbare Betätigung benötigt werden Zu hohe/zu niedrige Kraft, Domeversatz, Overlayermüdung, Schmutzkante Kraft-Weg-Verlauf am fertigen Panel vor und nach Vorbelastung
Hybrid aus Touch und physischen Stellteilen Kontextfunktionen flexibel, häufige oder kritische Aktionen aber blind auffindbar sein sollen Widersprüchliche Zustände zwischen Anzeige und Stellteil Aufgabenprüfung einschließlich Ausfall, Wiederanlauf und Zustandsrückmeldung

Das Elektrodenlayout gehört zur Mechanik. Microchip AN2934 beschreibt den Einfluss von Deckschicht, Masseabstand, Abschirmung und Feuchtigkeit auf kapazitive Sensoren. Metallrahmen, Befestiger, Displaymasse oder eine geänderte Leiterplattenlage können daher ein zuvor stabiles Touchdesign verändern. Controller-Tuning darf nicht vor dem finalen Deckglas, Klebstoff, Gehäuse und Kabelweg „eingefroren“ werden.

Für jeden freigegebenen Handschuh werden Modell, Werkstoff, Nenndicke, Größenbereich, neu/gebraucht, trocken/nass und relevante Kontamination dokumentiert. Der Test umfasst Zentrum, Ränder, Ecken, langsames Auflegen, schnelles Tippen, Wischen, ruhende Handfläche und benachbarte Ziele. Eine positive Auslösung reicht nicht; unbeabsichtigte, doppelte und versetzte Auslösungen müssen ebenfalls erfasst werden.

Physische Tasten werden nicht nach dem Dome-Datenblatt allein freigegeben. Overlay, Prägung, Klebstoff, Spacer, Dome, Leiterplatte und Gehäuseauflage bestimmen gemeinsam Kraft, Hub und Schnappgefühl. Die Zeichnung nennt deshalb ein Kraft-Weg-Fenster am fertigen Bedienfeld und den Messpunkt. Bei einem kapazitiven Feld kann eine geprägte Kontur die Orientierung verbessern, ersetzt aber keine wahrnehmbare Bestätigung der ausgeführten Funktion.

Für OEM-Geräte muss außerdem klar sein, wer Display, Touchcontroller, Schaltung, Kabel und Gehäuse toleriert. Der Artikel HMI-Hardwareentwicklung für OEM-Geräte vertieft diese Systemgrenzen.

Funktionsgruppen, absichtliche Betätigung und Fehlererholung bilden eine Sicherheitskette

Gute Gruppierung folgt Aufgabe und Risiko, nicht der verfügbaren Restfläche. Start, Stopp, Moduswahl, Sollwerteingabe, Diagnose und Quittierung erhalten erkennbare Zonen. Häufig zusammen verwendete Anzeige- und Stellteile liegen räumlich beieinander; gegensätzliche oder gefährliche Aktionen werden durch Abstand, Form, Schutz oder eine andere Betätigungsart getrennt.

Anhang III der Verordnung (EU) 2023/1230 fordert unter anderem sichtbare und identifizierbare Stellteile, eine eindeutige Bewegungswirkung, absichtliche Betätigung bei Gefährdung sowie eine ergonomisch passende Anordnung, Bewegung und Betätigungskraft. IEC 61310-1:2007 behandelt visuelle, akustische und taktile sicherheitsbezogene Signale; IEC 60073:2002 ordnet Bedeutungen und Kodierungsprinzipien für Anzeigen und Stellteile. Farbe ist daher ein Kanal, nicht der einzige. Text, Symbol, Form, Position oder Blink-/Tonmuster müssen die Bedeutung ergänzen, wo eine Verwechslung Folgen hat.

Jede Bedienhandlung braucht eine Zustandskette: Eingabe erkannt → Aktion angenommen oder abgelehnt → Maschinenzustand sichtbar → nächster zulässiger Schritt erkennbar. Das Hardware-RFQ definiert dafür LED, Leuchtfläche, Summer, haptischen Aktor oder mechanischen Schnappmechanismus samt elektrischer Schnittstelle. Prozesslogik und Bildschirmdialog bleiben Aufgabe der Steuerungsentwicklung; die Baugruppe muss jedoch die benötigten Rückmeldekanäle physisch bereitstellen und prüfbar ansteuern lassen.

Ein Not-Halt ist keine frei gestaltbare Touchfläche. ISO 13850:2015 legt Gestaltungsprinzipien für die Not-Halt-Funktion fest und verweist für die elektrische Realisierung auf IEC 60204-1. Welche Sicherheitsfunktion erforderlich ist, ergibt sich aus der Risikobeurteilung und anwendbaren Maschinennormen. Das Frontplattendesign darf diese Entscheidung weder vorwegnehmen noch durch eine grafische Schaltfläche ersetzen.

Fehlerketten zeigen, welche Frontplattenmerkmale tatsächlich kritisch sind

Eine Fehlerkette verbindet Nutzung, physikalischen Mechanismus, Bedienfehler und Nachweis. Sie verhindert, dass ein Symptom wie „Touch reagiert schlecht“ mit willkürlicher Empfindlichkeitserhöhung behandelt wird und dadurch neue Fehlbetätigungen entstehen.

Auslöser Physikalischer oder ergonomischer Mechanismus Möglicher Bedienfehler Hardwaremaßnahme Validierung
Bedienfeld außerhalb des bevorzugten Reichraums Schulter-/Rumpfausweichbewegung, geringere Zielgenauigkeit Nachbartaste getroffen Panel versetzen/verstellen, häufige Funktion näher anordnen Grenzpersonen im Einbaumodell
Flache Blickrichtung auf Display Kontrastabfall, Spiegelung, Parallaxe Status oder Dezimalstelle falsch gelesen Panelwinkel, Displaytechnologie und optischen Stack ändern Ablesetest an allen Augenpunkten
Dicker oder loser Handschuh Kapazitives Signal sinkt und Kontaktfläche wächst Keine oder benachbarte Auslösung Sensor/Deckschicht abstimmen, Ziele trennen, physische Taste ergänzen Originalhandschuh in Zustandsmatrix
Wasserfilm auf Touchfläche Leitfähige Kopplung und mehrere aktive Sensoren Phantom- oder Mehrfachauslösung Guard-/Shield-Konzept, Ablehnungsmuster, alternative Eingabe Definierte Tropfen- und Filmprüfung
Dome oder Spacer versetzt Kraft-Weg-Verlauf und Kontaktlage verändern sich Unklare Bestätigung oder Doppeldruck Positionstoleranz und Auflagefläche korrigieren Kraft-Weg-Mapping über Serienfläche
Status nur farbkodiert Farbfehlsichtigkeit, Fremdlicht oder ausgefallene LED Zustand verwechselt Symbol, Text, Form oder zweiter Signalkanal Erkennungsprüfung mit simuliertem Kanalverlust
Kritische Funktionen zu dicht Handschuhfläche überdeckt Nachbarziel Falscher Modus oder Start Abstand, Schutzkragen, Form- oder Betätigungsunterschied Gezielter Fehlgriff- und Streifkontaktversuch
IP-Ziel nur für Einzelteil belegt Fuge, Kabel oder Kompression bleiben ungeprüft Feuchte verursacht Ausfall oder Fehleingabe Dichtung und Gehäuseschnittstelle gemeinsam auslegen IEC-60529-Prüfung der vereinbarten Baugruppe

IEC 60529 klassifiziert den Gehäuseschutz elektrischer Betriebsmittel. Daraus folgt keine automatische IP-Einstufung der kompletten Front, nur weil Display oder Steckverbinder einzeln eine Schutzart tragen. Prüfgegenstand, Montageausschnitt, Dichtungskompression, Befestigung und Kabelausgang müssen zum behaupteten Nachweis passen.

Die passende HMI-Architektur hängt vom Einsatzfall ab

Einsatzfall Vorrangige Human-Factors-Frage Sinnvolle Hardwaretendenz Nicht ausreichend
Stationäre Produktionsmaschine Können häufige Aktionen ohne Haltungswechsel ausgeführt und Zustände gleichzeitig gelesen werden? Geneigtes Panel, klare Funktionszonen, Hybridbedienung bei häufigen Direktaktionen Großes Touchdisplay ohne Reich- und Fehlgriffprüfung
Außenanlage Bleibt Information bei Sonne, Temperaturwechsel, Nässe und Handschuhen erkennbar und bedienbar? Sonnenlichttauglicher, geprüfter optischer Stack; robuste Tasten oder konditionierter Touch Nennhelligkeit des nackten Displays als alleiniger Nachweis
Hygiene- oder Reinigungsbereich Lassen sich Front und Fugen reinigen, ohne Fehlbedienung oder Materialschaden? Geschlossene, medienbeständige Front; definierter Reinigungs-/Bediensperrzustand Offene Tastenkanten oder unbelegte Materialverträglichkeit
Mobiles Bediengerät/Teach Pendant Bleiben Griff, Gewicht, Sicht und Stellteile in allen vorgesehenen Haltungen beherrschbar? Griff- und Bedienzonen, taktil auffindbare kritische Elemente, zugentlastete Leitung Anthropometrie einer stationären Konsole übertragen
Retrofit in bestehendes Gehäuse Passt die neue Bedienlogik in Ausschnitt, Erdung, Sicht- und Reichraum der Altanlage? Adapterrahmen und definierte Systemgrenze; frühes Einbaumuster Displaygröße nur nach vorhandenem Ausschnitt auswählen

Eine reine Toucharchitektur ist ungeeignet, wenn eine Funktion ohne Blickkontakt sicher auffindbar sein muss, wenn die zugelassene PSA keine stabile Erkennung erlaubt oder wenn eine sicherheitsbezogene Stellfunktion ein eigenständiges Bedienelement verlangt. Ein festes Panel ist ungeeignet, wenn die Zielpopulation nur durch Verstellung eine neutrale Haltung erreicht. Optisches Bonding ist nicht automatisch richtig, wenn Reparaturstrategie, Materialverträglichkeit oder thermische Toleranzkette dagegen sprechen. Die Empfehlung ist stets konditioniert.

Validierung prüft Aufgabe, Baugruppe und Einbauzustand in aufsteigender Reihenfolge

Die Prüfplanung beginnt vor dem ersten Muster. Die HMI-Panel-Konstruktion: Checkliste mit 10 Freigabekriterien kann als übergeordnete Freigabestruktur dienen; für Ergonomie wird sie um aufgaben- und populationsbezogene Prüffälle ergänzt.

  1. Dokumentenprüfung: Zielpopulation, Aufgaben, PSA, Umgebung, Risiken, Messgrößen und Akzeptanzkriterien sind vollständig und widerspruchsfrei.
  2. Geometrisches Modell: Augenpunkte, Reichhüllen, Panelnormalen, Schutzräume, Öffnungen und Kabelwege werden im Anlagenkoordinatensystem geprüft.
  3. Funktionsmuster: Display, Touch, Tasten, LED, Summer und Anschluss werden im vorgesehenen Stack bewertet, nicht als lose Einzelteile.
  4. Umweltkombinationen: Licht, Temperatur, Feuchte, Reinigungsmedium, Handschuhzustand und elektrische Störungen werden nach Risiko und Einsatzprofil kombiniert.
  5. Aufgabenprüfung: Repräsentative Bediener führen Normalbetrieb, Rüsten, Störung, Reinigung und Wiederanlauf in festgelegter Reihenfolge aus.
  6. Vorbelastetes Muster: Ablesbarkeit, Kraft-Weg-Verlauf, Touchkarte, Beschriftung und Dichtung werden nach den vereinbarten Belastungen erneut gemessen.
  7. Änderungsprüfung: Material-, Firmware-, Display-, Klebstoff- oder Gehäuseänderungen werden auf betroffene Anforderungen zurückgeführt; nicht jede Änderung benötigt alle Tests, aber jede benötigt eine Begründung.

Die Prüf- und Validierungsplanung sollte Prüfgegenstand, Methode, Bedingung, Stichprobe, Messmittel, Grenzwert und Verantwortlichen nennen. Beim Prototyping und der Musterfreigabe müssen optischer und mechanischer Stack bereits repräsentativ sein, sonst werden Handschuh-, Reflexions- und Betätigungsergebnisse unbrauchbar.

Für kognitive Belastung gibt ISO 10075-2:2024 Gestaltungsprinzipien, definiert aber keine Messmethode. Der NASA Task Load Index erfasst subjektive Belastung über sechs Dimensionen: mentale, physische und zeitliche Anforderung, Leistung, Anstrengung und Frustration. Für ein HMI-Projekt dient er zum Vergleich festgelegter Aufgaben und Varianten. Einen universellen Pass/Fail-Wert gibt es nicht; Referenzaufgabe, Auswerteverfahren und Akzeptanzkriterium werden vor dem Test festgelegt.

Häufige Fragen von Konstruktion und Einkauf

Was bedeutet HMI-Ergonomie und Human Factors für Industrieanlagen konkret?

Der Begriff bezeichnet die abgestimmte Gestaltung von Bedienaufgabe, Bedienerpopulation, Umgebung und HMI-Hardware. Konkret entstehen daraus prüfbare Anforderungen an Reichweite, Blickkegel, Kontrast, Handschuhe, Tasten- oder Touchbetätigung, Funktionsgruppen, Rückmeldung und Fehlererholung. Ein optisch aufgeräumtes Panel allein ist noch kein Ergonomienachweis.

Welche Tasten- oder Touchzielgröße ist für Arbeitshandschuhe richtig?

Es gibt keinen universellen Millimeterwert für alle Industriehandschuhe. Zielgröße und Abstand werden mit den freigegebenen Handschuhmodellen, der Aufgabe, dem Bedienwinkel und dem Fehlerrisiko bestimmt. Die Abnahme muss erfolgreiche Auslösung und ausbleibende Nachbarauslösung unter trockenem, nassem und relevant verschmutztem Zustand getrennt nachweisen.

Funktioniert ein kapazitiver Touchscreen zuverlässig mit dicken Handschuhen?

Nur wenn Controller, Elektrodenraster, Deckschicht, Gehäusekopplung und Handschuh gemeinsam ausgelegt wurden. Handschuhmaterial, Dicke, Passform und Druck verändern das Signal. Eine Lieferantenaussage „glove capable“ ersetzt deshalb keine Touchkarte am seriennahen Panel mit den tatsächlich zugelassenen Handschuhen und Umweltzuständen.

Wann sind physische Tasten besser als ein reines Touchpanel?

Physische Tasten sind vorzuziehen, wenn eine Funktion ohne Blickkontakt auffindbar sein muss, häufig direkt ausgelöst wird, ein klares Kraft-Weg-Feedback benötigt oder durch PSA am Touchscreen unsicher wird. Sicherheitsfunktionen werden nach Risikobeurteilung und einschlägigen Normen ausgelegt; eine frei programmierbare Touchfläche ist dafür nicht automatisch geeignet.

Wie werden Kontrast und Ablesbarkeit eines Industrie-HMI geprüft?

Geprüft wird der fertige optische Stack aus Display, Touch, Deckglas, Klebstoff oder Luftspalt und Gehäuse unter den festgelegten Licht-, Temperatur- und Blickbedingungen. Ein softwareseitiges Kontrastverhältnis kann vorsortieren, belegt aber weder Reflexionsverhalten noch Ablesbarkeit am realen Bedienplatz.

Muss ein ergonomisches HMI immer höhen- oder neigungsverstellbar sein?

Nein. Eine feste Position genügt, wenn alle vorgesehenen Bediener, Aufgaben und Sichtfälle innerhalb der definierten Reich- und Blickräume liegen. Verstellung wird nötig, wenn die Zielpopulation oder wechselnde Sitz-/Stehaufgaben sonst zu Ausweichhaltungen, verdeckten Anzeigen oder unsicherer Betätigung führen. Der Verstellbereich selbst muss kollisions- und leitungsseitig geprüft werden.

Wie lässt sich die mentale Arbeitsbelastung bei einer HMI-Validierung messen?

Zuerst werden repräsentative Aufgaben, Fehlerfälle und Vergleichsvarianten festgelegt. NASA-TLX kann danach subjektive mentale, physische und zeitliche Anforderungen, Leistung, Anstrengung und Frustration erfassen. Das Ergebnis wird zusammen mit Bearbeitungsfehlern, Auslassungen und Beobachtungen bewertet; ein allgemeingültiger Grenzwert für jedes Industrie-HMI existiert nicht.

Welche Unterlagen benötigt ein HMI-Baugruppenhersteller für eine technische Prüfung?

Benötigt werden Frontplatten- und Gehäusezeichnung, Display- und Touchdaten, optischer und mechanischer Stack, Anschlussbelegung, Bediener- und Aufgabenprofil, freigegebene Handschuhe, Umgebungs- und Reinigungsbedingungen, IP-Ziel, Prüfplan, Jahresmenge sowie die Abgrenzung zu Steuerung und Software. Fehlende Grenzfälle führen sonst zu nicht vergleichbaren Angeboten.

Referenzen

  1. Verordnung (EU) 2023/1230 über Maschinen, Anhang III, 14. Juni 2023.
  2. BAuA: Neue Europäische Maschinenverordnung, abgerufen am 24. August 2026.
  3. ISO 9241-210:2019: Human-centred design for interactive systems, bestätigt 2025.
  4. ISO 14738:2002: Anthropometric requirements for workstations at machinery, bestätigt 2023.
  5. ISO 9241-303:2011: Requirements for electronic visual displays, bestätigt 2022.
  6. ISO 9241-307:2008: Analysis and compliance test methods for electronic visual displays, bestätigt 2024.
  7. IEC 61310-1:2007: Requirements for visual, acoustic and tactile signals.
  8. IEC 60073:2002: Coding principles for indicators and actuators.
  9. IEC 60529: Degrees of protection provided by enclosures, konsolidierte Fassung mit Änderungen bis 2013.
  10. ISO 13850:2015: Emergency stop function — Principles for design, bestätigt 2020.
  11. ISO 10075-2:2024: Design principles related to mental workload.
  12. BAuA: Benutzungsschnittstelle, abgerufen am 24. August 2026.
  13. IFA/DGUV: Checkliste Ergonomische Maschinengestaltung, Fassung 2018.
  14. Arbeitsinspektion Österreich: Schnittstelle Mensch–Technik, abgerufen am 24. August 2026.
  15. W3C: Web Content Accessibility Guidelines 2.2, Kontrastminimum, 5. Oktober 2023.
  16. NASA: Task Load Index, aktualisiert am 11. März 2026.
  17. Infineon: Industrial Capacitive Touchscreen Design Made Simpler, 2023.
  18. Microchip AN2934: Capacitive Touch Sensor Design, 24. Juli 2020.
  19. DMC: Aufbau eines resistiven Touchscreens, abgerufen am 24. August 2026.
  20. Panasonic: Light Touch Switch – Travel and Click Ratios, abgerufen am 24. August 2026.

Projektinput für Zeichnung und RFQ

Vor der technischen Prüfung sollten diese Angaben vollständig vorliegen:

  • Frontplattenzeichnung mit Einbauausschnitt, Befestigung, Dichtflächen, Panelnormalen und Bezugskoordinaten
  • Displaygröße, aktive und sichtbare Fläche, Blickkegel, optischer Stack, Umgebungslicht und Defektkriterien
  • Touchtechnologie, Controller, Elektroden-/Sensordaten, Deckschicht, Masse-/Schirmkonzept und zulässige Firmwaregrenze
  • Tastenlage, Funktionsgruppen, Zielabstände sowie Kraft-Weg-Fenster am fertigen Panel
  • Augenpunkt-, Reichraum- und Zielpopulation einschließlich Sitz-/Steh- und Wartungsfällen
  • genaue Handschuhreferenzen und Zustände sowie Reinigungsmedien, Temperatur, Feuchte, UV-, Abrieb- und IP-Anforderungen
  • Rückmeldekanäle, elektrische Schnittstellen, Pinbelegung, Stecker, Kabelweg, Erdung und Zugentlastung
  • Prüfmatrix mit Bedingungen, Messmitteln, Akzeptanzgrenzen, Musterstand und Änderungsregeln
  • geplante Jahresmenge und gewünschter Prototypen-/Freigabeablauf

OEM-Teams können ihre Zeichnungen zur technischen Prüfung senden. Für eine erste Machbarkeitsbewertung sind Displaygröße, Frontplattenzeichnung, Schnittstellen-Stack, Umgebung und Jahresmenge ausreichend; nach Klärung der Grenzfälle lässt sich ein technisches Angebot anfragen.

Hinweis zur Einordnung: Dieser Leitfaden wurde für die JASPER-Website erstellt. Die technischen Kriterien gelten herstellerunabhängig; die beiden abschließenden Links beschreiben lediglich den optionalen Projektübergabeweg.

Technische Prüfung

Zeichnung, Schichtaufbau und Einsatzbedingungen bereitstellen

Das JASPER Engineering prüft Schnittstellen, offene Risiken und die Nachweise für ein belastbares Angebot.

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